Virale Atemwegsinfektionen bei Immunkomprimierten
Lange galten Bakterien und Pilze sowie Herpesviren (insbes. Cytomegalovirus [CMV] und Adenoviren) als Hauptverursacher von Infektion der unteren Atemwege (LRTI) bei Immunkomprimierten. Jedoch blieben 30 bis 60% dieser Patienten mit einer Pneumonie ohne klare Diagnose. Sowohl in der normalen Bevölkerung, als auch im nosokomialen Umfeld sind RNA-Viren wie Influenzavirus, RSV (respiratory syncytial virus) und Parainfluenzavirus (PIV) inzwischen als Verursacher eines Teils diese vormals „idiopathischen“ Pneumonien anerkannt. Sie werden im Folgenden als „Erkältungsviren“ bezeichnet.
Saisonalität
und Konsequenzen
DNA-Viren wie das CMV werden typischerweise nach primärer Infektion im
Kindesalter im Erwachsenenalter wieder reaktiviert. Es gibt keine Saisonalität,
entscheidend ist, dass das Immunsystem durch eine maligne Erkrankung oder durch
eine Chemotherapie beeinträchtigt ist.
Demgegenüber treten Infektionen mit den oben beschriebenen „Erkältungsviren“
auch im nosokomialen Umfeld saisonal gehäuft auf. Wird in der Bevölkerung
eine Epidemie beobachtet, beispielsweise von RSV oder Influenza, sollte der
jeweilige Erreger daher auch bei der Diagnose von Atemwegsinfektionen stationär
behandelter immunkomprimierter Patienten berücksichtigt werden. Studien
haben gezeigt, dass während einer Epidemie auch asymptomatisches Personal
zu 40-50% infiziert sein kann. 55-83% aller Infektionen mit „Erkältungsviren“
bei immunkomprimierten Patienten werden nosokomial erworben.
Hochrisikogruppen
Die Mortalität durch Infektionen mit „Erkältungsviren“
ist besonders hoch bei:
- Patienten mit neutropenischer Knochenmarkstransplantation vor der Stammzellentransplantation;
- Patienten mit Leukämie unter einleitender [induction] Chemotherapie;
- Patienten, die Kortikosteroide in hohen Dosen erhalten.
Pathogenese
Die Pathogenese und klinischen Charakteristika einzelner Virusinfektionen werden
eingehend erläutert. Grundsätzlich entwickeln immunkomprimerte Patienten
ungleich häufiger eine Infektion der unteren Atemwege, die Infektionen
verlaufen schwerer, sind öfter tödlich und dauern um ein Vielfaches
länger an. Die Patienten bleiben länger ansteckend, Koinfektionen
durch Bakterien oder Pilze sind häufiger. Die Rekonvaleszenz dauert ebenfalls
ungleich länger, häufig bleiben Spätschäden zurück.
Fazit
Hicks et al. fordern, nosokomiale Atemwegsinfektionen durch weit verbreitete
Erreger wie Influenza, Parainfluenza oder RSV bei immunkomprimierten Patienten
aggressiv zu unterbinden. Dazu gehört nicht nur, die Übertragung zu
verhindern, sondern auch den Erreger schnell zu identifizieren, schnell zu behandeln
und infizierte Patienten zu kohortieren [sagt man das so?]. Diese und weitere
strenge Sicherheitsmaßnahmen senkten bereits in mehreren onkologischen
Zentren signifikant die Anzahl nosokomialer Atemwegsinfektionen bei Immunkomprimierten.
Literatur:
Cancer
97: 2576-87, 2003
HTR 04.11.2003