Spätes Impfen erhöht Sterblichkeit ebenso wie zu wenig Impfen

Modellrechnung bestätigt Forderung von Impfexperten

Pertussis in Deutschland
Mehr als 2.500 Tote durch Pertussis bei Kindern unter 16 Jahren verzeichnete ein zeitgenössisches Buch zur Kinderheilkunde für das Jahr 1938/39 in Deutschland. Dank Impfung ist die Letalität inzwischen zwar drastisch gesunken, die Durchimpfungsraten lassen jedoch immer noch zu wünschen übrig. Zum Zeitpunkt der Einschulung waren nach Angaben des RKI im Jahre 2001 nur etwa 75% aller Kinder in Deutschland vollständig gegen Pertussis geimpft. Zudem wird zu spät geimpft. Statt innerhalb von vier Monaten 100% der Kinder mit den drei Basisimpfungen Diphtherie, Tetanus und Pertussis (DTP) zu versorgen, werden nur 50% in sieben Monaten erreicht und im Bundesdurchschnitt nicht mehr als 85% aller Kinder. „Damit vergeben wir uns Chancen, wir „produzieren“ Krankheit“, kritisierte Professor Heinz-J. Schmitt, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO), im Mai diesen Jahres in Waldthausen. Seine Kritik deckt sich mit der internationaler Gesundheitsexperten.

Modell ergänzt Surveillance
Die WHO erstellt Weltgesundheitsberichte, um möglichst effektive Empfehlungen für Gesundheitsprogramme auf nationaler und internationaler Ebene abgeben zu können. Die Autoren der Modellrechnung kritisieren jedoch, dass Aussagen zur Epidemiologie von Pertussis sehr schwierig seien, weil auch gute Surveillance-Systeme die Anzahl der Pertussis-Fälle und -Todesfälle unterschätzten. Ohnehin lägen in den meisten Ländern nicht genügend gesicherte Surveillance-Daten vor. Ein Modell soll helfen, die globale Pertussis-bedingte Letalität und Morbidität bei Kindern unter 15 Jahren möglichst einfach und verlässlich zu schätzen.

Für das Modell gingen Crowcroft et al. davon aus, dass alle empfänglichen Kinder bis zum Alter von 15 Jahren infiziert werden, Infektionen von Erwachsenen werden nicht berücksichtigt. Außerdem wurde ermittelt, wie empfindlich das Modell auf Variationen der Parameter reagiert (Sensitivitätsstudien).

Die Autoren schränkten ein, dass genauere Ausgangsdaten benötigt werden, um das Modell besser zu validieren. Auch sollten Informationen über Pertussis-Infektionen bei Jugendlichen und Erwachsenen mit berücksichtigt werden, da sie Infektionsquelle für Säuglinge und Kleinkinder sind. Ihre Ergebnisse sind dennoch hoch interessant.

Ergebnisse
Konventionelle Schätzungen der WHO gehen pro Jahr von weltweit 20 bis 40 Millionen Keuchhusten-Erkrankungen aus, darunter 200.000 bis 300.000 Todesfälle. In ihrem Modell errechneten die Autoren der Lancet-Veröffentlichung für das Jahr 1999 einen Schätzwert von weltweit 48,5 Millionen Pertussisfällen. Die Anzahl der Todesfälle schätzen sie auf 390.000 bzw. auf 295.000. Obwohl das Modell ihrer Ansicht nach die Zahl der Pertussisfälle möglicherweise überschätzt, geben die Autoren gleichzeitig zu bedenken, dass die tatsächliche Inzidenz von Pertussis auch in Industrieländern wahrscheinlich in noch stärkerem Maße unterschätzt wird.

Sehr interessant sind die Sensitivitätsstudien. Insbesondere Variationen in der Wirksamkeit des Impfstoffs beeinflussen die Anzahl der geschätzten Pertussisfälle deutlich.

Tab. 1: Anzahl der Todesfälle durch Pertussis, in Abhängigkeit vom Anteil empfänglicher Kinder pro Alterstufe, von der Pertussis-Sterberate und der Wirksamkeit des Impfstoffs

Anteil empfänglicher Kinder, die bis zu einem Alter von 1, 5 oder 15 Jahren infiziert wurden
WI 80%
NiedrigePertussis-Sterberate
WI 80%
HohePertussis-Sterberate
WI 98%
NiedrigePertussis-Sterberate
WI 98%
HohePertussis-Sterberate
10%, 20%, 100%
12000
252000
7000
146000
10%, 40%, 100%
16000
337000
8000
160000
30%, 40%, 100%
33000
669000
21000
425000
30%, 60%, 100%
36000
755000
22000
439000

WI= Wirksamkeit des Impfstoffs. Niedrige Pertussis-Sterberate = 0,2% der Kinder unter 1 Jahr; 0,04% der Kinder von 1 – 4 Jahren. Hohe Pertussis-Sterberate = 4% der Kinder unter 1 Jahr, 1% der Kinder von 1 – 4 Jahren


Eine geringe Wirksamkeit des Impfstoffs entspricht im Modell in seinen Auswirkungen einer verspäteten Impfung, auch sie erhöht die Sterblichkeit, denn in den ersten 6 Lebensmonaten ist die Wahrscheinlichkeit an Pertussis zu sterben am höchsten. Die Autoren der Modellrechnung empfehlen deshalb, einer rechtzeitigen Impfung zum frühestmöglichen Zeitpunkt in Impfprogrammen großes Gewicht zu geben. Denn im Umkehrschluss setzt eine frühzeitige Impfung die Sterblichkeit genauso herab wie eine verbesserte Durchimpfungsrate.

JS/HTR 24.11.03


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