Infektionen – häufigste Ursache von Krankheit von Kindern
12. Jahrestagung der DGPI, 3.-5. Juni 2004 in Mainz


Die Epidemiologie der Erkältungskrankheiten entschlüsselt
Prof. Dr. med. Heinz-J. Schmitt, Pressekonferenz, 4. Juni 2004

In den USA wurden nach dem zweiten Weltkrieg über drei Jahre hinweg jede Woche rund 100 Haushalte von einer Krankenschwester besucht. Sie erfasste, woran Familienmitglieder erkrankt waren (Dingel et al. 1953). Die durchschnittliche Anzahl von Krankheitsepisoden lag in den Jahren 1948 bis 1950 zwischen 9,7 und 10. Häufigste Ursache war eine Atemwegsinfektion (acute respiratory infection, ARI). Damals wie heute erkrankt ein Mensch in den Industrienationen rund sechsmal pro Jahr an einer Atemwegsinfektion - unabhängig vom Alter. Die nächsthäufige Krankheitsgruppe, Durchfallkrankheiten, tritt viermal seltener auf. Mit neuen molekularbiologischen Methoden ist es gelungen, die wichtigsten und häufigsten Erreger von Atemwegsinfektionen zu identifizieren.

Das Forschungsnetzwerk PID-ARI.net überwacht diese Erreger kontinuierlich (Tabelle 1). Ganz oben auf der Liste der 10 häufigsten Erreger von Atemwegsinfektionen stehen RS-Viren, sie infizieren fast alle Kinder im Laufe des ersten Lebensjahres. Im zweiten Lebensjahr liegt das Risiko für eine erneute RSV-Infektion bei rund 50%. Mehr als 1% aller Kinder im ersten Lebensjahr müssen aufgrund einer RSV-Infektion stationär behandelt werden. Das heißt übertragen auf ganz Deutschland: Jährlich kommen 7.500 Kinder mit schwerer RSV-Infektion ins Krankenhaus. Eine enorme Krankheitslast.

Krankenhauseinweisungen sind sowohl einschneidend für das Kind und die Familie, als auch gesundheitsökonomisch bedeutend hinsichtlich des medizinischen Aufwands und der Kosten. So bedürfen fortgeschrittene Atemwegsinfektionen im Kindesalter einer Behandlung, die von der klinischen Überwachung (Pulsoximeter) über die Gabe von Sauerstoff bis hin zur maschinellen Beatmung gehen kann. Leider ist derzeit kein RSV-Impfstoff in Sicht.

Die Influenza-Impfung wird schon lange bei Senioren und Risikogruppen angewendet. In Kiel konnte in einer definierten Region (Epidemiologisches Rekrutierungssystem, ERS) im Rahmen von PID-ARI.net die Morbidität durch Influenza bei Kindern sehr gut untersucht werden. In der Altersgruppe bis zum dritten Lebensmonat müssen 0,3% aller Kinder wegen einer Influenza ins Krankenhaus. Das ist ebenfalls eine sehr hohe Morbidität. Die Krankheitslast durch Influenza im Kindesalter, ausgedrückt in Infektionsraten und Hospitalisierungsraten ist ungleich größer als bei Erwachsenen. Es stellt sich daher die Frage, ob und in welcher Form die Influenzaimpfung im Kindesalter eingesetzt werden sollte.

Das gesamte heute von PID-ARI.net überwachte Erreger-Spektrum umfasst etwa 70% aller Erreger von Atemwegsinfektionen im Kindesalter. Das Forschungsnetzwerk hat erheblich zur Entschlüsselung ihrer Epidemiologie beigetragen. Beginn und Ende der jährlichen Influenza- und RSV-Epidemien können mit Hilfe seiner Daten inzwischen sogar vorhergesagt werden. Bestimmte Therapien, etwa zur Vorbeugung einer RSV-Infektion für Risikopersonen, können dadurch gezielter verabreicht werden.



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