Generelle Influenza-Impfung für Kinder?

Professor Heinz-J. Schmitt, Mainz, kritisierte in seinem Vorwort, dass es in Deutschland kein einheitliches Konzept für den Umgang mit der Influenza im Kindesalter gibt. In Österreich wurde jetzt eine sehr weitreichende Empfehlung ausgesprochen, die wie in den USA alle Kinder einbezieht. Dafür gibt es gute Gründe:

- Die Krankheitslast durch Influenza bei Kindern ist unerwartet hoch. Die Hospitalisierungsraten etwa liegen im frühen Kindesalter zum Teil höher als bei alten Menschen – wenn auch die Letalität gering ist.
- Rund 80% der Kinder, die wegen einer Influenza hospitalisiert werden, gehören keiner Risikogruppe an.
- Fehlzeiten in Gemeinschaftseinrichtungen (Schule!) würden durch die Impfung ebenso reduziert wie Arbeitsausfall der Eltern.
- Ebenso würden die Übertragungsmöglichkeiten des Erregers drastisch reduziert. Ein wichtiger Effekt.

Nach Ansicht von Schmitt fehlen derzeit vor allem noch Daten zur Morbidität der Influenza im außerstationären Bereich und Belege, wie häufig der Erreger von Kindern auf Erwachsenen übertragen wird, spezielle auf alte Menschen. Er wünscht sich zudem noch mehr Daten zur langfristigen Sicherheit, Reaktogenität, Immunogenität und Wirksamkeit von Influenza-Impfstoffen bei Kindern. Abgesehen vom zu erwartenden Unverständnis von Seiten der Patienten, sprechen für ihn vor allem fehlende Strukturen im Gesundheitssystem gegen eine generelle – jährliche! - Influenza-Impfempfehlung für Kinder. Ein Impfprogramm mit Ziel- und Zeitvorgaben könnten nur die Länder leisten. Das Impfen wurde jedoch schon vor Jahrzehnten von den Gesundheitsämtern auf niedergelassene Ärzte übertragen.

„Der Ball 'Influenza-Impfung für alle Kinder' liegt daher im Spielfeld der Länder“, so Schmitt. „Ohne Impfprogramm mit Ziel, Plan für die Umsetzung und Erfolgskontrolle macht eine Erweiterung der Influenza-Impfempfehlung wenig Sinn.“ Ein solches Programm sei aber nicht in Sicht. „daher werden wir in Deutschland auch weiterhin ohne Konzept mit der Influenza umgehen – ganz 'individuell' mit ein bisschen Prophylaxe, ein bisschen Therapie und meistens mit Nichtstun“, schloss der Infektiologe.


PD Dr. Josef Weigl, Kiel, erläuterte in seinem Artikel „Gesunde Kinder gegen Influenza impfen?“, dass Kinder wesentlich zur Verbreitung der Influenza bei tragen. Die Morbidität der Influenza im Kindesalter sei hoch, wie Daten des Forschungsnetzwerkes PID-ARI.net zeigten. Das relative Risiko eines asthmakranken Kindes, mit einer Influenza-Infektion in die Klinik zu müssen, sei um das Vierfache erhöht, so Weigl, das relative Risiko eines kleinen Herzpatienten um fast das 10fache im Vergleich zu Kindern ohne Grundkrankheit. Andererseits leiden über 80% der Kinder, die wegen einer Influenza A stationär behandelt werden müssen, nicht an einer Grundkrankheit, fallen also nicht unter die derzeitige Impfindikation.

„Aufgrund der Inzidenzen wäre in Deutschland eine generelle Influenza-Impfung in den ersten 5 Lebensjahren sinnvoll. Größeren Effekt auf die Herdenimmunität hätte jedoch eine Impfung im Schulalter“, so Weigl wörtlich. Er diskutiert in seinem Artikel die Implikationen verschiedener Impfstrategien.

Prof. Dr. Ulrich Heininger, Basel, referierte über die klinischen Besonderheiten der Influenza bei Kindern und ihre Implikationen für eine generelle Impfung. Wesentliche Punkte waren:

§ In einer prospektive Untersuchung zur Influenza- und RSV-Morbidität am UKBB konnte gezeigt werden, dass Influenza-Infektionen einen nicht unerheblichen Beitrag zu den stationären Behandlungen bei primär immunkompetenten Säuglingen und Kleinkindern leisten.
§ Influenza bei Säuglingen unter 3 Monaten ist selten.
§ Die Symptomatik der Influenza im Kindesalter ist häufig unspezifisch, insbesondere bei Säuglingen treten fieberhafte Verläufe ohne respiratorische Symptome auf. Bei Neugeborenen sind Sepsis-ähnliche Verläufe möglich. Gastrointestinale Manifestationen können im Kindesalter die Hauptmanifestation einer Influenza darstellen.
§ Eine Diagnose ist allein anhand der klinischen Symptome kaum zu stellen. Ausnahme sind nur besonders schwer ausgeprägte Formen und Fälle zu Epidemie-Zeiten.
§ Die mit Abstand häufigsten Komplikationen sind bakterielle Sekundärinfektionen. Im Kindesalter dominieren Pneumonien sowie akute Otitis media.

Literatur:
Einzelexemplare der „Kinderärztlichen Praxis“ können unter www.kirchheim-verlag.de bestellt werden.

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20.01.05 - HTR